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Theater – Theaterpädagogik – Theatertherapie

… Namen sind Schall und Rauch. Oder?

Ich bin überzeugt von der persönlichkeitsfördernden, heilsamen und gemeinschaftsfördernden Wirkung des (Schau-)spielens. Ob man Theater nun bewusst für Heilungsprozesse nutzt wie in der Theatertherapie, oder ob sich diese in künstlerisch motivierten Prozessen eher ‚nebenbei’ ergeben, ist dabei nur ein mögliches Kriterium der Unterscheidung. Wenn ich mich mit den Sparten Theater, Theaterpädagogik, Theatertherapie befasse, sehe ich ihren Hauptunterschied nicht in der Vorgehensweise, sondern in den Zuschreibungen, denen Theatermachern, Theatertherapeuten oder Theaterpädagogen ausgesetzt sind.

Was man vom (Theater-)Pädagogen erwartet, habe ich im Kapitel ‚Kunst und Spiel – versus Pädagogik‘ versucht zu schildern. Seine Arbeit wird am Prozess gemessen, nicht am Produkt: seine Theaterstücke werden hierzulande (anders als z.B. in England oder Holland) nur selten mit der Brille der Ästhetik betrachtet. ‚Hauptsache es hat allen Spaß gemacht!’. Alte Glaubenssätze und Wahrheiten wie ‚der Weg ist das Ziel’ verstärken diese Position. Vom Theaterpädagogen erwartet man in der Regel, dass etwas von oder bei ihm gelernt werden kann, was außerhalb seiner Kunst liegt, z.B. Sozialverhalten. Die Teilnehmer von Theaterpädagogischen Projekten entspringen daher nicht selten Zwangsgemeinschaften von mehr oder weniger unwilligen Schülern, deren Haltung Protest und Konsumorientierung ausdrückt: ‚Zeig mal was du zu bieten hast, und wir entscheiden dann ob wir mitmachen’. Befreit vom Notendruck der Schule können sie endlich mal den Spieß umdrehen und sich mächtig fühlen gegenüber dem Theaterpädagogen, den sie ebenfalls zum Lehrer machen (wenn er sich machen lässt), und der dafür häufig genug eine ideale Projektionsfläche bietet.

Doch Freiwilligkeit ist die Basis für persönlich bedeutsame Lernprozesse.

Ob der Theaterpädagoge selbst sich eher als Pädagoge oder als Künstler definiert, wird einen großen Einfluss auf seine Arbeit ausüben. Will er hauptsächlich dass seine Teilnehmer ‚ihren Spaß haben’ oder hat er den Anspruch auf künstlerischen Ausdruck? Oft wird dies als Gegensatz gesehen, ich behaupte, es geht sowohl als auch. Manche Gruppen haben gar keine Lust, ‚nur so rumzuspielen’. Nicht selten verleiht erst ein zu erarbeitendes Stück dem Prozess die gehörige Zugkraft, und sogar als ‚schwer motivierbar’ eingestufte Jungendliche sind dann oft ‚ganz bei der Sache’.

Wenn man Kunst nicht als etwas betrachtet, das von der Person völlig losgelöst ist, ist es sowohl für den Regisseur als auch den Theaterpädagogen von Bedeutung, auf einen Selbstbezug der Teilnehmer/innen zu dem gewählten Stück oder Thema hinzuarbeiten.

Der Schauspieler muss sich mit der Rolle befassen und sie in Beziehung zu sich selbst setzen, in der Arbeit mit dem sensuellen oder emotionalen Gedächtnis (Stanislawski, Strasberg) wird dies besonders deutlich. Hier sehe ich keinen Unterschied von Theater zu Theaterpädagogik.

Im künstlerischen Prozess sucht der Spieler, unterstützt durch den Regisseur oder Theaterpädagogen, seine eigene Spur, seinen Ausdruck, seine Form. Es ist eine Suche, die ein hohes Maß an Eigenverantwortlichkeit voraussetzt, und je weiter jemand fortgeschritten ist, desto mehr Zugänge und Techniken wird er besitzen, um an sich zu arbeiten. Ein in meinen Augen guter Regisseur hat eine symmetrische Beziehung zu seinen Spielern, beide definieren sich als Künstler auf der Suche nach individuellem und kollektiven Ausdruck. Probleme und Krisen im schöpferischen Prozess gelten als normal und zeigen, dass man auf dem Weg ist. Ein guter Regisseur nimmt dieses wahr und weiß dem Spieler durch künstlerische Umsetzung seines Problems, das hier Thema genannt wird, zu helfen.

Wichtig ist das Ergebnis: was kommt am Ende heraus, was wird veröffentlicht? Ein gelungener künstlerischer Prozess findet erst in der Präsentation seine Vollendung – im doppelten Sinn des Wortes: sie ist ein deutlicher Abschluss und gleichzeitig sein Höhepunkt.

Im Theater ist der Prozess sehr stark durch das Produkt bestimmt, in der Theatertherapie ist das meistens umgekehrt.

Wenn ich den künstlerischen Prozess am Ende oder auch zwischendurch auf mich reflektiere – was spiele ich, wie bin ich normalerweise etc., kann aus dem Spiel oder der Begegnung mit einer Rolle, die mir fremd schien, viel gelernt werden. Dies ist meines Erachtens eine der positiven Funktionen, die Theatertherapie bietet und die im Theater fast nie, in der Theaterpädagogik manchmal vorkommen.

Geht jemand so stark in die Krise, dass er eine Rolle nicht mehr spielen kann, fällt er aus der Theatergruppe heraus und muss sich außerhalb Unterstützung suchen. In der therapeutischen Gruppe kann das eher toleriert werden, er muss ja schließlich nicht spielen, solange keine Aufführung ansteht. In der Theaterarbeit kommt Regression nur so weit vor, insofern jemand gleichzeitig noch präsent bleiben und seiner Situation einen Ausdruck verleihen kann. Die tiefen Prozesse, die durch Theaterspiel ausgelöst werden können, sind sicher faszinierend – aber ebenso faszinierend ist die Ästhetik des Theaters: Form und Inhalt stehen in Beziehung und sind keine Gegensätze.

Theater hat nicht selten eine therapeutische Wirkung – für die Spieler, und manchmal auch für die Zuschauer. Doch will man das Theater nicht seiner originären, künstlerischen Kraft berauben, sollte man sich davor hüten, es zu Zwecken der ‚Behandlung‘ zu missbrauchen. Denn was im Körpertheater, beim rituellen Spiel oder auch in der Rollenarbeit erlebt und gelernt werden kann, passiert in der Regel zufällig, unbeabsichtigt. (Schau-)Spielen kann bedeuten: Gemeinschaft, Zauber, Magie, vor allen Dingen aber die Faszination am Zu-Fall – alles, was uns im Spiel begegnet, als willkommenen Impuls zu betrachten, der nach einer Antwort verlangt. Einer Spur folgen, sich überraschen lassen, das zufällige nutzen und ihm eine Form geben, vertrauen auf den Weg. Und nicht vergessen:

Ein Spiel ist ein Spiel. (Peter Brook)

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